Dass am Mutterhaus in der Fuldaer Kanalstraße gewerkelt wird, ist schon von außen zu sehen – vor allem von der Königsstraße aus. Die wesentlichen Arbeiten passieren jedoch im Inneren des imposanten Gebäudes. Dass sich Fuldaer fragen, wie das Leben hinter den roten Backsteinmauern vonstattengeht, das ist Schwester Birgit durchaus bewusst. Was vielen, die durch die Kanalstraße gehen, vielleicht nicht bekannt ist, ist die Tatsache, dass sich im Haus auch eine Notschlafstätte für Frauen befindet. Darüber hinaus gibt es einen Speiseraum, die sogenannte Vinzenzküche, in dem Bedürftige mit warmen Mahlzeiten versorgt werden. Und an der Pforte geben die Schwestern belegte Brote aus. Das macht in dem großen Bau jedoch nur einen geringen Raum aus. Dessen Bedeutung will die Generaloberin aber nicht als gering eingeschätzt wissen. Der Ordenspatron, der heilige Vinzenz von Paul, den sie im Gespräch immer wieder erwähnt, habe eben nicht nur predigen, sondern wirklich etwas für Menschen bewegen wollen. „Das ist auch der Geist, aus dem heraus wir als Vinzentinerinnen leben und wirken“, betont Schwester Birgit.
Wir, das meint insgesamt noch 63 Schwestern – von denen 53 in Fulda leben und 14 aus Indien stammen –, die gemeinsam mit engagierten Mitarbeitenden, die den Geist des heiligen Vinzenz mittragen, an verschiedenen Orten im Bistum Fulda zwischen Kassel und Hanau, Marburg und Fulda tätig sind: in Krankenhäusern, in der Pflege und Seelsorge. „Gott
hat uns dafür in diese Zeit gestellt. Aber je weniger wir werden, desto intensiver sind wir angefragt“, sagt die Generaloberin. Denn wie anderen Orden geht es auch den Vinzentinerinnen: Immer weniger Frauen entscheiden sich für eine solche Lebensform.
Im Mutterhaus hätten sich die Schwestern dazu entschlossen, mit ihren Mitarbeitenden das Heft des Handelns selbst in die Hand zu nehmen – stets im Sinne des heiligen Vinzenz.
Über der Entwicklung der Immobilie für die Zukunft habe stets die Frage gestanden: „Wie füllen wir das Haus mit Leben?“ Das Ergebnis der Überlegungen war zunächst die Gründung einer Stiftung, um die Fortführung der Aufgaben der Vinzentinerinnen zu sichern. Im Mutterhaus sind nun zum einen zwei Stockwerke in einem Teil des Gebäudes
an die gemeinnützige GmbH St. Vinzenz Soziale Dienste vermietet, die hier ihre Verwaltung untergebracht hat.
„Mit Leben füllen“ nehmen die Barmherzigen Schwestern zum anderen ganz wörtlich. Große Teile des Mutterhauses werden derzeit umgebaut, um sie dann als Wohnraum zur
Verfügung zu stellen. Wichtig ist ihnen aber auch hier wieder die Idee des heiligen Vinzenz von Paul: Es muss ein sozialer Gedanke dahinterstehen. In diesem Sinn arbeiten sie daran, einer Not der heutigen Zeit zu begegnen, indem sie bezahlbaren und barrierearmen Wohnraum schaffen. Einzelne Apartments sind bereits bezogen, weitere bezugsfertig – und das
sogar so weit, dass Mieterinnen oder Mieter eigentlich nur noch ihren Koffer mitbringen müssen. So hat zum Beispiel das Herz-Jesu-Krankenhaus für Mitarbeitende, die von außen kommen, vier dieser mit komplettem Mobiliar und Inventar sowie Küchenzeilen und Bädern vollausgestatteten Wohnungen angemietet. Elf Wohnungen in unterschiedlichen Größen bieten weiteren Wohnraum. „Es gibt Menschen, die sich im Alter verkleinern wollen, die aus größeren Häusern ausziehen wollen“, schildert Schwester Birgit eine Möglichkeit. Wichtig
sei dabei, dass die Mieter das christliche Profil mittragen und zum Ordensumfeld passen. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit. „Wer das nicht möchte, wird sich ohnehin kaum auf eine Wohnung bewerben“, ist die Generaloberin überzeugt. Schließlich steht auch ein Bereich „Junges Wohnen“ für Mitarbeitende der St.Vinzenz gGmbH zur Verfügung. Darüber hinaus sind die Barmherzigen Schwestern Gastgeber für Tagungen, für die Seminarräume und Gästezimmer zur Verfügung stehen.
Die Gebäudesubstanz sei gut. Dass ein 140 Jahre alter Bau doch immer mal wieder für eine Überraschung gut sei, liege auf der Hand, sagt auch Torsten Bräher, der Leiter der
Abteilung Bau und Liegenschaften. Eine Investitionssumme nennen er und die Generaloberin nicht. Aber: „Der veranschlagte Kostenrahmen wurde trotz mancher Unwägbarkeiten
eingehalten, und das ganze Projekt konnte realisiert werden, weil wir in der Vergangenheit auch Immobilien verkauft haben“, betont der Ingenieur.
Hintergrund: „Was will unser Ordenspatron, der heilige Vinzenz von Paul heute von uns?“
Unter der Fragestellung „Was will unser Ordenspatron, der heilige Vinzenz von Paul heute von uns?“ hat das Generalkapitel der Schwestern im Jahr 2008 beschlossen, die Werke in
eine Stiftung zu überführen. Doch eine Stiftungserrichtung bedeutet viel und lange Arbeit. Zehn Jahre später war diese vollbracht. Die Vinzenz-von-Paul-Stiftung Fulda wurde nach dem Dekret des Heiligen Stuhls vom 25. Januar 2018 und der Stiftungsurkunde des Landes Hessen vom 9. April 2018 kirchlich als eine Stiftung päpstlichen und weltlich als eine solche öffentlichen Rechts errichtet. Somit wollen die Vinzentinerinnen ihre Einrichtungen sicher in die Zukunft führen, und den „Sendungsauftrag im Geiste des heiligen Vinzenz“ erfüllen. Durch das Stiftungskonstrukt ist die Ordensleitung von der operativen Verantwortung entlastet worden. Dabei soll sichergestellt bleiben, dass sich die Verantwortungsträger und Mitarbeitenden in die christlich geprägte Unternehmensphilosophie einbringen.
Orden
Die Barmherzigen Schwestern vom heiligen Vinzenz von Paul, auch Vinzentinerinnen genannt, sind Ordensschwestern, die sich dem Dienst am Menschen in der Seelsorge, Pflege
und Bildung verschrieben haben. Ihre Ordenspatrone (nicht Gründer) sind der heilige Vinzenz von Paul, der als großer Heiliger der Nächstenliebe gilt, und Louise de Marillac. Ihre Geschichte in Fulda beginnt im Jahr 1834, als drei Schwestern aus Straßburg auf Bitten der kurfürstlichen Regierung um Vermittlung durch Bischof Johann Leonard Pfaff in das
Landkrankenhaus nach Fulda kamen, um dort die Pflege der Kranken zu übernehmen. In Straßburg existierte zu dieser Zeit eine 1734 gegründete wachsende Gemeinschaft, der es möglich war, Schwestern nach Fulda zu entsenden.
Quelle: Fuldaer Zeitung vom 04.04.2026 von Andreas Ungermann